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Die Zukunft des Journalismus im digitalen Zeitalter

Wegweiser im Informationslabyrinth

Der Journalismus hat seine Monopolstellung und Exklusivität bei der Herstellung von Öffentlichkeit verloren. Im Internet kann jeder Mann und jede Frau schnell, billig und global publizieren. Aber wie sieht der professionelle und qualitätsvolle Journalismus der Zukunft aus ? Was kennzeichnet ihn? Wer bezahlt ihn? Und wer kann und will ihn sich noch leisten? Wie müssen Journalisten für diese Zukunft ausgebildet werden? Antwortversuche gab es auf der Tagung „Umbrüche in der Medienlandschaft“ in der Akademie für Politische Bildung Tutzing.

 

Nervöse Info-Kultur

 

Der Hamburger Journalistikprofessor Stephan Weichert nannte ein Kernproblem der aktuellen Situation des Journalismus in Deutschland: „Der Qualitätsjournalismus hat Finanzierungsprobleme“. Um 16 Prozent sind nach Angaben der Zeitungsverleger die Nettoerlöse im letzten Jahr zurück gegangen. Die „Umsonst-Kultur im Netz“ mache eine gemeinsame Strategie der Verleger nötig, wie mit wertvollen redaktionellen Inhalten Geld verdient werden könne. Weichert sieht einen „neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit“ und eine zunehmend schwindende Aufmerksamkeit für Medien: „Die Info-Kultur wird nervöser und unverbindlicher“, sagte er. Eine Auflösung der „Vierten Gewalt“ dürfe nicht passieren. Wenn die „gesellschaftlichen Frühwarnsysteme“ versagen, leide die Demokratie. Journalismus dürfe nicht kaputt gespart werden. Andererseits müssten die „digitalen Neandertaler“ aber auch das „Dialogprinzip mit den Zielgruppen“ mehr beherzigen und die Nutzer stärker in die Medienproduktion einbinden.


Hans-Werner Kilz: „Wer gute Inhalte liefert, bleibt auch begehrt.“ Fotos: Plank/Grundler

Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit

 

Die Kürzungen und Sparmaßnahmen im Redaktionsetat bringen den Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Hans-Werner Kilz, gelegentlich an die Grenzen des Machbaren: „Wenn wir für unvorhersehbare Ereignisse im Ausland keine Reisekosten mehr haben, gerät Qualität in Gefahr“, sagte der frühere Spiegel-Chef. „Recherchen brauchen einen ordentlichen Etat.“ Er rechnet aber damit, dass es auch in 10 bis 15 Jahren noch Qualitätszeitungen geben wird: „Aber ob wir die noch auf Papier drucken und jeden Morgen in Briefkästen stecken, ist eine andere Frage.“ Auch er sieht die Erlöse als Problem: „Wir müssen mehr Geld für unsere Inhalte verlangen. Das Internet muss kostenpflichtig werden.“ Er wendet sich gegen den „Zeitgeist der Leichtfertigkeit“ und setzt auf „Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit“. Kilz ist überzeugt: „Wer gute Inhalte liefert, bleibt auch begehrt.“ Und die Archive müssten besser genutzt statt abgeschafft werden.


Ernst Elitz: „Echtzeit heißt noch nicht Echtheit.“

Wahrheitsfanatiker

 

Glaubwürdigkeit ist auch für Ernst Elitz, den früheren Intendanten des Deutschlandradios, der Kern von Qualität. Es gebe zu viele Ablenkungsmanöver von Seiten der Politik. „Wir müssen Wahrheitsfanatiker sein. Hartes Nachfragen dürfe nicht als Kampagnenjournalismus diffamiert werden, sagte Elitz, der auch Kolumnen für die BILD schreibt. Aus der Zufallskommunikation im Internet müsste durch journalistische Arbeit Verlässlichkeit werden. Denn: „Echtzeit heißt noch nicht Echtheit.“ Journalisten müssten die Materialien im Netz aufgreifen und analysieren. „Sie müssen Leiter und Wegweiser sein durch das Informationslabyrinth.“ Und Unterhaltendes dürfe schon sein, denn: „Die trockene Nachricht war noch nie des Lesers Leibgericht“. Dabei dürfe aber die Marke der analogen Mutter nicht aufs Spiel gesetzt werden. Schließlich sei dauernde Weiterbildung wichtig, damit Journalisten immer auf der Höhe des Wissensstandards ihrer Zeit seien.


Keine „eierlegende Wollmilchsau“

 

Aus- und Weiterbildung war das Stichwort für Karl N. Renner, Journalistikprofessor an der Mainzer Universität. Er beschrieb die nötigen Voraussetzungen für journalistische Qualifikation und Qualität: Fach-, Sach-, Vermittlungs-, Technik- und Organisationskompetenz. Das bedeute aber keineswegs, dass man die „eierlegende Wollmilchsau“ ausbilden wolle. Er beklagte das zunehmend fehlende Allgemeinwissen der Bewerber und forderte „soziale Orientierung und Haltung“ der Journalisten.


Sonia Mikich: „Meinungsfrisöre“ aus den PR-Abteilungen drängen sich auf

Konturenlosigkeit

 

Eben diese Haltung vermisst die Leiterin der Monitor-Redaktion beim WDR, Sonia Mikich. Sie beklagt sogar eine „Scheu vor Haltung“ in den Sendern: „Oft ist man dort ergebnisoffen bis zur Konturenlosigkeit“. Als Gegenbeispiel dient ihr die Mannschaft des eigenen Polit-Magazins: „Monitor ist ein moderner Klassiker – wie nahrhaftes Brot. Wir sind kein Sahneschnittchen, aber auch kein Windbeutel“, sagte sie.
Belehrung sei von gestern, aber Haltung sei cool: „Die Welt ist nicht in Ordnung, der gesellschaftliche Kitt zerbröselt rasant. Viel zu viele Mitmenschen sind von Glück, von Selbstbestimmung, von Freiheit ausgeschlossen, das mag ich nicht nur abbilden“, sagte die Journalistin. Ihre Antwort auf die Frage nach Qualität lautet: „Sich nicht von der Größe der Aufgaben erschrecken zu lassen.“ Der investigative Journalismus sei eine „masochistische Treue zur Demokratie“ und bestehe aus „grauer Kleinstarbeit“.

Die langjährige ARD-Korrespondentin in Moskau und Paris erkennt eine „Erosion von Autorität“ der Journalisten. Stattdessen drängten sich die „Meinungsfrisöre“ aus den PR-Abteilungen auf. Und viele Journalisten seien zu sehr daran interessiert, Teilhaber der politischen Elite zu werden:„Quatschen, kuscheln, coachen.“

 

 

Lesen Sie hier weiter, wie Focus-online Chef Jochen Wegner die Zukunft des Geschäftsmodells Journalismus sieht und welche Bedrohungspotenziale des öffentlich-rechtlichen Systems BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb ausgemacht hat. Mehr...


 

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