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Die Wissenschaftler zu „Deutsch in der Wissenschaft“

Ein Kampf gegen Windmühlen

Führende Köpfe aus Politik und Wissenschaft diskutierten über die Zukunft der deutschen Sprache in Forschung und Lehre. Die Tagung eröffnete Bundestagspräsident Norbert Lammert mit einem Vortrag über „Sprache. Und Politik“. Tags darauf waren die Wissenschaftler an der Reihe – an dieser Stelle fassen wir die sechs Podiumsdiskussionen mit insgesamt 28 Teilnehmern und noch mehr Statements kurz zusammen. 

 

Gesprächsrunde I: Bildungs- und wissenschaftspolitische Aspekte

 

Intelligente Mehrsprachigkeit muss das Ziel aller Bestrebungen sein – da waren sich die Wissenschaftler und Politiker auf dem Podium einig. Dr. Friedrich Rothenpieler, Amtschef im bayerischen Wissenschaftsministerium, und Michael Kretschmer, stellvertretender Vorsitzender der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, wollen, dass die Diskussion über die Zukunft der deutschen Sprache auch an den Hochschulen geführt wird. Die Politik könne nur Anstöße dazu geben, die Reglementierung selbst müsse aus der Bildungslandschaft kommen. „Wissenschaft und Forschung sind relevante Bestandteile der kulturellen Landschaft, deshalb kommt ihnen auch eine sprachliche Verantwortung zu“, meint Rothenpieler. Nicht derjenige, der in Deutschland auf Deutsch kommunizieren möchte, solle sich dafür rechtfertigen – sondern derjenige, der zum Englischen greift. Ähnlich denkt auch Michael Kretschmer, doch sieht er die Politik in einem großen Dilemma: Einerseits bestehe politischer Handlungsbedarf, da die sprachliche Internationalisierung an vielen Stellen übertrieben werde. Andererseits stehe dieser Steuerungsbedarf im Widerspruch mit der Wissenschaftsfreiheit. 

 

DAAD-Präsidentin Prof. Sabine Kunst konnte mit einem aktuellen Beschluss des Akademischen Auslandsdienstes aufwarten, der in die angesprochene Richtung weist: Förderentscheidungen zugunsten fremdsprachiger Studiengänge in Deutschland würden nur noch getroffen, wenn darin eine allgemein- und eine fachsprachliche Deutschkompetenz vermittelt wird. „So wird die soziale und kulturelle Integration ein neues, gewichtiges Ziel der Wissenschaftsdisziplinen“, meint Kunst. Professor Joachim-Felix Leonhard (Präsident der Von-Behring-Röntgen-Stiftung) wies darauf hin, dass die „Provinzialisierung der eigenen Sprache in den Wissenschaften“ nicht nur in Deutschland anzutreffen, sondern eine globale Erscheinung sei. Im Rahmen der EU böte sich die Möglichkeit von Gegeninitiativen wie ein zum Beispiel ein „Europäisches Zitationsinstitut“. Abgesehen davon sei es aber wünschenswert, Mehrsprachigkeit spätestens in der Schule selbstverständlich zu machen – so erst sei ein besserer Bezug zur eigenen Sprache zu gewährleisten. 

 

Gesprächsrunde II: Chancen und Grenzen einer Lingua franca für die Wissenschaft

 

An Professor Karlfried Knapp von der Universität Erfurt war es, in dieser Runde den Advocatus Diaboli zu spielen und die Vorteile einer einzigen, universalen Verkehrssprache aufzuzeigen. Da die Wissenschaft ein grenzenloses internationales System sei, würde eine gemeinsame Sprache die Kommunikation über Forschungsergebnisse grundlegend erleichtern. Am besten geeignet sei dafür ein global english. Zwar hätte das eine Reduktion der Komplexität zur Folge – doch würde die wissenschaftliche Kommunikation zeitgleich im Rückgriff auf andere Sprachen erfolgen, und die wissenschaftliche Mehrsprachigkeit sei gesichert. 

 

Professor Jürgen Trabant ließ sich davon nicht überzeugen. Er hält Mehrsprachigkeit auch in der Wissenschaft für unabdingbar, denn:  „Hier sind präzise Termini essenziell, und die einer lingua franca sind es nicht“, meint der Wissenschaftler von der Bremer Jacobs University. Außerdem zweifelt Trabant an, warum gerade Englisch die Voraussetzungen für eine allgemeine und vereinfachte Verkehrssprache erfüllen sollte. Sein Kollege Wulf Oesterreicher von der Universität München wies darauf hin, dass Wissenschaft nicht vorrangig aus Kommunikation bestehe, sondern aus komplexer Objektrelation. Für Erkenntnisgewinn, Innovation, Reibungen, unterschiedliche Arten wissenschaftlicher Diskurse und ganzer Wissenschaftskulturen sei demnach die Auseinandersetzung  in der eigenen Muttersprache unabkömmlich. Englisch könne daher eigentlich nur eine internationale Verkehrssprache zur Kommunikation der Erkenntnisse sein, weniger die entscheidende Sprache im Wissenschaftsprozess.

 

Nur eines der vielen Podien unserer Tagung. Hier trafen sich die Professoren (v.l.) Dieter Jahn, Kurt Reinschke, Brigitte Jockusch, Helmut Glück, Peter Gritzmann, Ralf Mocikat und Wolfgang Haße. (Foto: Korte)

 

Gesprächsrunde III: Deutsch in den Natur- und Ingenieurwissenschaften

 

Unter der Moderation von Professor Helmut Glück von der Universität Bamberg trafen sich insgesamt sieben Wissenschaftler auf dem Podium. Sie kamen zu einem Konsens: Englisch stellt fast ausschließlich die Kommunikationssprache der Erkenntnisse dar – und ist dazu auch notwendig. Allerdings sollte die „interne Verständigung“ in der jeweiligen Landes- oder Muttersprache ablaufen. Dass hierbei mehr und mehr das Englische genutzt werde, sei ein „unverständlicher, delikater Trend“, dem unbedingt entgegengesteuert werden müsse. Nicht nachvollziehbar sei zudem, dass sich Englisch selbst als Kongresssprache bei nationalen Veranstaltungen durchsetze.

 

Gesprächsrunde IV: Deutsch in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

 

Auch in den Geisteswissenschaften scheint keine große Zukunft mehr zu haben, wer sich allein auf seine Muttersprache bezieht. Professor Horst Bredekamp von der Humboldt Universität Berlin meint: „Deutsch wird immer als die führende Sprache in der Kunstgeschichte dargestellt – sie wird aber in den letzten Jahren nicht mehr gelesen.“ Irmela Hijiya-Kirschnereit von der Freien Universität Berlin konstatierte eine regelrechte „Anglizisierung“ ihres Forschungsbereichs, der Japanologie. Der Antrieb hierzu könne nur in einer „ideologischen Motivation“ gesehen werden. Ihr Kollege Hartmut Leppin von der Goethe-Universität Frankfurt wies darauf hin, dass zumindest die „passive Mehrsprachigkeit“, also das Verstehen verschiedener Sprachen, mit Nachdruck gefördert werden müsse. Denn selbst in der Geschichtswissenschaft drängten die Verlage zunehmend darauf in englischer Sprache zu publizieren. Lediglich Professor Bernhard Kempen, Präsident des Hochschulverbandes, hatte Positives für die deutsche Sprache zu vermelden: „In der Rechtswissenschaft stellt sie unbezweifelbar die Domäne dar, weil vorrangig deutsche Normen interpretiert werden.“ Allerdings müssten auch hier die Auswirkungen der Europäisierung des Rechts abgefangen werden. Die Hinwendung zur Einsprachigkeit – da waren sich die Podiumsteilnehmer einig – bedeute einen methodischen Verlust.

 

Dazu kamen noch zwei weitere Gesprächsrunden: „Die deutsche Sprache – Blicke aus dem Ausland“ und „Wie kann man Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft fördern?“

 

Ondřej Kalina/Sebastian Haas

 

Die Tagung  „Deutsch in der Wissenschaft“ wurde vom 10. bis 12. Januar gemeinsam mit der Volkswagenstiftung veranstaltet. Zum Abschluss legten die Professoren Konrad Ehlich und Hans Joachim Meyer eine Resolution vor. Lesen Sie das Ergebnispapier hier

 

Zum Bericht über den Besuch von Bundestagspräsident Norbert Lammert und die Podiumsdiskussion mit Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger kommen Sie hier. Die Rede von Norbert Lammert als Audiodatei zum Download auf der Homepage des Bundestags.

 

FRAGEN AN EUROPA

Vor den Wahlen zum Europaparlament wollen wir Bürgerinnen und Bürger, Europapolitiker und -experten ins Gespräch bringen. Am 29. April geht es im Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg um die Frage: Was entscheiden wir bei der Europawahl? Die bisherigen Themen lauteten: Solidarität und Arbeitsmigration.

PUBLIKATIONEN

Dr. Anja Opitz: Rule of Law. In: Handbook for Decision Makers. The Common Security and Defence Policy of the European Union, p. 151ff. (ed. by Jochen Rehrl, Vienna 2014).

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Parlament der Generationen und Wahljahr 2013, Berliner Hamsterrad und Lokalpolitiker im Netz, Solidarität in der EU und eine Reise nach Sizilien: das alles und mehr in der Ausgabe 1/2014 des Akademie-Reports (zum Archiv).

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Mit den „Tutzinger Schülerforen“ bieten wir ein besonderes Format für Schülerinnen und Schüler verschiedener Schultypen und Klassenstufen an, in dem politische Themen und Konflikte erarbeitet und erlebt werden. Mehr...