
Ein Interview zwischen Wissenschaft und Wirtschaft
Kommunikation ist alles
Unsere Tagung „Neu, gut, besser? Innovation als Thema in den Medien“ eröffnete Alexander Gerber mit einem Vortrag über die Rolle von Innovation für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – und das in Zeiten des Medienwandels. Der Geschäftsführer unseres Koooperationspartners innokomm (Deutsches Forschungszentrum für Wissenschafts- und Innovationskommunikation) über Politische Kommunikation, Wissens- und Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und den Wandel der Wissenskommunikation.
Herr Gerber, welche Bezüge gibt es zwischen Innovation und politischer Kommunikation?
Gerber: Wenn wir davon ausgehen, dass die Grundvoraussetzung für Innovation ein sozialer, gesellschaftlicher Konsens für Veränderung ist, dann hängt letztlich von der breiten Akzeptanz für diesen Wandel unser aller Wohlstand ab. Die Politik weiß um diese Bedeutung seit langem. In der bislang größten Parlamentarierstudie zum Beispiel werden Wissenschaft und Innovation parteiübergreifend als wichtigster Bereich für gesellschaftliche Veränderung genannt, noch vor den Bereichen Arbeitsmarkt, Gesundheit oder Integration. Zugleich glaubt aber nicht einmal jeder fünfte deutsche Parlamentarier, dass er auf das Thema Innovation Einfluss hat. Immer seltener hört man dabei zum Glück das Märchen von der „German Angst“, der angeblichen Technikfeindlichkeit der Deutschen. Die wird regelmäßig empirisch widerlegt, zuletzt zum Beispiel im „Innovationsindikator Gesellschaft“ des BDI.
Was sind die größten Veränderungen in der Kommunikation selbst?
Gerber: Schauen Sie sich die Wahlkampagne von Konrad Adenauer an: Keine Experimente. Ein halbes Jahrhundert später postuliert Barack Obama den „Change“. Dazwischen liegen politisch, normativ und kommunikativ Welten in Bezug auf Veränderung. Heute verschmelzen Massenkommunikation und Privates. Aus dem einstigen medialen Agenda-Setting wird gesellschaftliches Agenda-Surfing in vormedialen Räumen. Das ist eine Riesenherausforderung für Journalisten.
Wie schätzen Sie die Forschungslage in Deutschland ein?
Gerber: Bei neuen Produkten sollten wir häufiger fragen: Wo kommt das Know-how her? Sonst droht die Gefahr, dass das mit deutschen Geldern geschaffene Wissen andernorts wieder zu Geld gemacht wird, Arbeitsplätze schafft und so weiter. Der nötige Transfer von Wissen und Technologie jedoch ist keine Frage der „Übersetzung“, sondern eher eine des Dialogs und des gegenseitigen Austauschs. Ob das eine wissenschaftliche Einrichtung wie eine Universität allein leisten kann? Gerade im sozialwissenschaftlichen Bereich? Wer hilft hier beim Brückenbauen?
Sie arbeiten ja gerade an diesem Brennpunkt zwischen Wissenschaft und Wirtschaft…
Gerber: …und auch am Brennpunkt der wissenschaftlichen Disziplinen selbst, denn die großen Fragen sind meist nur transdisziplinär zu beantworten – das ist bei der Adaptronik oder Bioinformatik genauso wie eben bei der Innovations- oder Wissenschaftskommunikation. Ein Beispiel: Beim Einsatz interaktiver Medien in der Wissenschaft stellt sich nicht allein die Frage, wie diese funktionieren oder wie man das Wissen verwendet. Es geht auch darum, wie das wissenschaftliche System tickt, etwa unser tradiertes Publikationswesen, also warum ein Blogeintrag eben nicht in der Publikationsliste erscheint und welche Bedeutung das im Kontext von Forschungsanträgen oder Fördermitteln hat. Hier müssen sich Kommunikation, Wissenschaftsmanagement und Wissenschaftssoziologie treffen, sonst finden Sie keine zufriedenstellenden Antworten.
Oder bei der Innovation, unserem Tagungsthema. Da geht es auch nicht nur darum, isoliert die mediale Seite zu verstehen. Innovationskommunikation betrachtet den gesamten Wertschöpfungsprozess und die Mediation. Also: Wie kommen Ideen in Netzwerken zustande? Wie interaktiv organisiert ein Unternehmen seine Wertschöpfung? Wie entstehen Kommunikations- oder Risikokultur, gesellschaftliche Veränderungsbereitschaft und Akzeptanz?
Wie kann Wissenskommunikation innovativ geleistet werden?
Gerber: Die Genehmigung von Forschungsanträgen zum Beispiel hängt zunehmend davon ab, ob man eine schlüssige Geschichte erzählen kann – eine, die Verwertungspotentiale aufzeigt. Das Storytelling bekommt also Gewicht neben der reinen wissenschaftlichen Expertise. Ist das nun eine bedenkliche Entwicklung? Zumindest ist es eine Tatsache. Und eine Innovation. Institutionen sollten sich also mit dem Thema Storytelling auseinandersetzen, und zwar nicht nur für ihre Pressemitteilungen, sondern eben auch mit Blick auf ihre als Zuwendungsgeber und Projektträger. Gleiches gilt für die Politik, die nach gesellschaftlich anschlussfähigen Konzepten sucht.
Dabei ist Storytelling nicht einfach nur gutes Geschichtenerzählen. Aus dem Storytelling kann idealerweise ein strategisches Storyselling werden, das aber vor allem auf ein gutes Storymining baut, also darauf, die richtigen Geschichten mit der richtigen Dramaturgie in einer Institution zu identifizieren. Das ist wirklich Kunsthandwerk.
Anja Rudloff/Sebastian Haas
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